Das alte Ziegelhaus war schwer erkennbar im Dickicht der Bäume. Baumwurzeln stützten die von Blättern bedeckte halb zerfallene Terrasse und die kupferrote Erde arbeitete sich langsam über das flache Dach in der Hoffnung, dieses Relikt alter Zeiten zu verschlingen. Die durchlöcherte Holzbrüstung versuchte noch vergeblich, den gewaltigen Kräften der Natur Stand zu halten. Aber die Waldbewohner fühlten sich noch wohl darin. Kleine Krabbeltiere tanzten freudig über die Reste dieses Monuments als hätte es nie gegeben. Als hätte die gesamte Menschheit nie gegeben. Der Wind rief leise aus allen Richtungen, mal von der Ferne, mal näher, zwischen den Blättern und hinter den Bäumen in einem unendlichen Spiel der Verwirrung. Die Sonne blickte auf uns herab mit stechenden Strahlen, die den ganzen Wald in eine warme und ruhige Umarmung schlossen und wir rannten. Wir rannten um unser Leben. Wir rannten als gäbe es kein Morgen. Uns so war es auch.
Die Lungen bliesen sich auf und ab, auf und ab, auf und ab ohne das vertraute Gefühl zu vermitteln, genug Luft zu bekommen, das Herz pumpte das Blut durch die Venen mit einer Geschwindigkeit, die das gesamte Kreislaufsystem zerreißen hätte können, der Schweiß rannte über unsere Stirn wie ein ausgebrochener Fluss, die Muskeln schrien laut auf in der Hoffnung geschont zu werden, in der Hoffnung die Folter wurde ein Ende haben. Vergeblich.
Unsere Körper waren nun nur noch Kampfmaschinen. Jede einzelne Zelle lief auf Hochtouren, um die maximale Ausdauer und Kraft aus jedem Millimeter des Körpers rauszupressen; um das einzig Wahre zu bekommen: den Saft des Lebens.
Nur sehr wenige Menschen haben eine Ahnung, wovon ich gerade spreche. Nur sehr wenige können sich vorstellen, wie es ist, wenn man rennt um zu überleben. Das Gehirn entscheidet sich auf den roten Knopf zu drücken und den Körper in einen Zustand zu versetzen in dem die tiefsten und brutalsten Lebensinstinkte geweckt werden. Die Augen fokussieren auf das Ziel, jede kleine Nebenbewegung wird wahrgenommen und hilft zur Erhaltung dieses Zustandes. Der Geruchssinn breitet sein Aufnahmefeld so sehr aus, dass man fast fähig ist, Steine zu riechen. Die Muskeln sind gespannt und bereit für jeden Angriff. Alle unnötigen Körperbewegungen werden ausgeschaltet, alles wird genau berechnet; der lange Sprung auf die Terrasse, das Aufgreifen der Äste um möglichst schnell und schmerzlos nach unten zu kommen.
Es gibt keine Gefühle wie Liebe oder Mitleid oder Kameradschaft, so wie es immer erzählt wird; es gibt nur Angst und das Bedürfnis sich selbst zu retten. Zu Leben.
Als wir mithilfe der Äste von der Terrasse herunter glitten, sah ich es. Da war es. Ich konnte es nicht glauben. Seit Wochen waren wir auf der Flucht. Seit Wochen suchten wir danach. Aber warum hier? Warum mitten in einem verlassenen Wald? Ich konnte es nicht glauben. Das war unfassbar. Selbst in meinen unglaublichsten Träumen hätte ich es mir anders vorgestellt. Es schien so bedeutungslos zu sein, so banal, so unglaublich normal. Sie hatten es nicht einmal versteckt oder im Schatten des Hauses gestellt. Es stand einfach da, mitten im Wald.
Die Farbe war ähnlich wie die der rotbraunen Blätter abgesehen vom pechschwarzen Schnabel was mich nicht überraschte. Der gesamte Wald war wie verzaubert. Die Bäume waren hoch und grün, der Waldboden aber rot und gelb von den gefallenen Blättern. Die Harmonie war atemberaubend. Gerne hätte ich diesen Augenblick genossen. Endlich hatte ich es. Die Details waren sorgfältig in das rötliche Holz eingearbeitet, strich für strich, millimetergenau in eine kleine Schwanenform geschnitzt. Ich hatte gedacht es sei größer als einen halben Meter.
Sobald ich den Schwan in meinem Leinensack hatte, rannte ich weiter mit dem Wissen, das Ende dieser Folter sei nahe.
Ein paar Stunden später kamen wir endlich in der Stadt an. Wir setzten uns am Rand des Waldes und kollabierten auf dem harten Asphaltboden.
